DAS NIKOLAIVIERTEL – IM HERZEN VON BERLIN

DAS NIKOLAIVIERTEL – IM HERZEN VON BERLIN

Berliner Nikolaiviertel

Mitten in der pulsierenden Großstadt – zwischen Alexanderplatz, Rotem Rathaus und neuem Stadtschloss – besitzt dieser Teil von Berlin eine malerische Kulisse. Postkartenromantik würde ich sagen. Das Nikolaiviertel ist ein ganz besonderer Ort, der sehr ursprünglich wirkt, fast schon entschleunigend. Er versetzt seine Besucher zurück in eine andere Zeit, denn das Viertel gehört zu den ältesten Plätzen der Stadt.
Und während das „alte Berlin“ selbst noch relativ jung ist – mit gerade einmal 782 Jahren – ist seine historische Mitte wesentlich jünger. Schließlich liegt der Wiederaufbau erst wenige Jahrzehnte zurück.

Enge Gassen mit Kopfsteinpflaster statt asphaltierten Boulevards, gemütliche und kleine Häuser anstelle von gigantischen Hochhaussiedlungen  – der Charme des alten Berlins wird im Nikolaiviertel lebendig.  Das geschäftige Treiben der Großstadt bleibt einfach draußen. Ist aber hier und da zu erahnen, wenn beispielsweise der Fernsehturm als 368 Meter hoher Riese alles überragt. Das Berliner Wahrzeichen taucht immer mal wieder hinter den Gebäuden auf. Denn das Nikolaiviertel liegt eben mittendrin im quirligen Berlin. Und: es ist das älteste Wohngebiets Berlins.

Impressionen Berliner Nikolaiviertel HäuserfassadenImpressionen Berliner Nikolaiviertel Häuserfassaden

URSPRÜNGE

Im Mittelalter verläuft an dieser Stelle ein wichtiger Fernhandelsweg. Händler und Handwerker ließen sich deshalb an dem Spreearm nieder. Und so entstehen hier Ende des 12. Jahrhunderts die ersten Berliner Häuser, der erste Markt und natürlich die Kirche St. Nikolai. Berlins ältestes Kirchenbauwerk und seit 1230 das Herzstück der neuen Siedlungen Berlin und Cölln.

Was heute teilweise mittelalterlich wirkt, aber täuscht. Die charmanten Häuser im historischen Zentrum sind zum großen Teil Bauten der Nachkriegszeit. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Viertel durch viele Gasthöfe, Handwerksbetriebe und kleine Läden geprägt. Künstler wie Kleist, Casanova oder Lessing lebten und wohnten in den historischen Bauten.

ZERSTÖRUNG UND RUINENLANDSCHAFT 

Bombenangriffe aber zerstören 1944 das Gebiet fast komplett und hinterließen ausgebrannte Ruinen. Zu DDR Zeiten war das Nikolaiviertel lange eine brachliegende Trümmerlandschaft. Denn effektive Wohnraumbeschaffung war damals oberstes Ziel der Stadtplanung. Das Nikolaiviertel als Zeugnis der Geschichte spielte dabei zunächst keine große Rolle. Und fast wäre Berlins alter Stadtkern gänzlich zerstört und zu einem Hafenbecken für Ausflugsdampfer geworden.
Im Vergleich zu diesen DDR-Plänen bewiesen selbst die Ideen für einen Umbau in Zeiten des Nationalsozialismus noch Liebe zur architektonischen Geschichte. Die baufälligen und teils maroden Häuser um die Nikolaikirche sollten abgetragen werden. Und Platz machen für ein neues Altstadtforum. Hier sollten dann die Fassaden wertvoller historischer Bürgerhäuser aus ganz Berlin aufgestellt werden. Die an anderer Stelle nämlich hätten weichen müssen, zugunsten der Welthauptstadt Germania. Doch es kam anders. Und nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb vom historischen Berlin ohnehin wenig erhalten.

WIEDERAUFBAU

Erst 1981 – mit Blick auf die Feierlichkeiten zum 750. Stadtjubiläum Berlins – wurde unter Leitung des Architekten Günter Stahn die Mitte Berlins rekonstruiert. Und bis 1987 wieder neu aufgebaut. Nach historischem Vorbild. So entstanden neue Häuser und Straßen und eine Illusion von Alt-Berlin.

Alles nur Fake? Das Berliner Nikolaiviertel ist eine Mischung aus Originalen, Rekonstruktionen und Neubauten. Und in seiner heutigen Form zu 95 Prozent ein Neu- oder Wiederaufbau der DDR. Denn nach dem Krieg stand hier kein Stein mehr auf dem anderen, auch die Nikolaikirche war eine Ruine.
Das Knoblauchhaus – ehemaliger Wohnsitz der Kaufmannsfamilie Knoblauch – überstand den Krieg fast unbeschadet. Es zählt so zu den heute noch erhaltenen Berliner Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Und wurde zusammen mit den wenigen noch vorhandenen Gebäude im Nikolaiviertel restauriert.

Mit viel Liebe zum Detail entstanden außerdem Nachbauten vieler historischer Bauwerke wie das Gasthaus Zum Nußbaum (einst Stammlokal prominenter Künstler wie Heinrich Zille), das Lessinghaus, die Gaststätte Zum Paddenwirt oder die Gerichtslaube.
Sie standen früher einmal im Viertel oder manchmal auch an anderer Stelle in Berlin-Mitte. Die rekonstruierte Gerichtslaube in der Poststraße beispielsweise befand sich ursprünglich eigentlich in der Spandauer Straße / Ecke Rathausstraße. Gut 200 Meter also von ihrem heutigen Standort entfernt. Die wenigen alten Berliner Originale wie das Knoblauchhaus befinden sich also in direkter Nachbarschaft zu Rekonstruktionen mit historischen Fassaden. Ein nahezu perfektes Bild möchte man meinen.

Berliner Nikolaiviertel Lessinghaus

Aber im alten Stadtkern findet sich auch die berühmte DDR-Platte wieder. Allerdings wurden diese Neubauten architektonisch zumindest etwas ihrer Umgebung angepasst: verziert mit Giebeln und Ornamenten, die historische Wurzeln haben. Eine Art “Brückenschlag“, ein Kompromiss zwischen den ältesten Gebäuden der Stadt und der modernen funktionalen ostdeutschen Bauweise in Plattenform. Und noch heute bewohnt. Mitten im Berliner Stadtzentrum leben mehr als 2.000 Menschen.
Wie gut die Plattenbauten ins neue, alte Berlin hineinpassen muss jeder für sich selbst entscheiden. Über ihre “Schönheit” kann man streiten. Aber irgendwie gehören auch sie mit dazu. Genauso wie die vielen Restaurants, Cafés und Kneipen vor Ort. Manche sind Touristen-Abzocke, andere punkten mit Alt-Berliner Charme und gutbürgerlicher Küche, die an das ursprüngliche Berlin erinnert.

Impressionen Berliner Nikolaiviertel Plattenbau

Plattenbauten im Nikolaiviertel mit Schriftzug "Berlin Stadt des Friedens"

DAMALS UND HEUTE

Einen kleinen Einblick wie das Nikolaiviertel früher nach dem Krieg aussah und heute immer noch aussieht, bekommt ihr übrigens im Ephraim-Palais. Schaut euch doch mal die Bilder auf der Webseite zur aktuellen Ausstellung OST-BERLIN an. Hier könnt ihr an ausgewählte Plätze und in die Vergangenheit von Berlin reisen.
Auch in der historischen Mitte hat sich viel verändert. 1976 war lediglich eine Kirchenruine zu sehen, heute aber verdecken Plattenbauten die große Nikolaikirche. Von ihr ist im Bild der Ausstellung nur noch das rote Ziegeldach zu sehen.

Die Rekonstruktion vom Stadtpalais selbst ist übrigens auch eine Art deutsche Wiedervereinigung. Das Ephraim-Palais gilt als ein Meisterwerk der Berliner Palais-Architektur im 18. Jahrhundert. Besonders imposant ist die sanft geschwungene Rokkokofassade, sie unterbrach schon damals die mittelalterliche Architektur im Viertel. Im Volksmund wurde sie sogar als “schönste Ecke Berlins” bezeichnet! Veitel Heine Ephraim – Hofjuwelier und Finanzier Friedrich des Großen – ließ sich 1766 am Mühlendamm einen mehr als repräsentativen Wohnsitz bauen. Mit vergoldetem Balkongitter, das  zusammen mit dem restlichen Gebäude 1935 abgetragen wurde. Grund war die Erweiterung des Mühlendamms.
Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins wurde es nun – um 12 Meter versetzt – an seinem heutigen Standort wiederaufgebaut. Unter Verwendung von Originalteilen der Fassade versteht sich. Diese originalen Bauteile waren in West-Berlin gelagert und überstanden dort zum Glück unbeschadet den Zweiten Weltkrieg. Im Tausch gegen andere Kulturgüter kamen sie nun wieder nach Ost-Berlin. Zurück in die alte Heimat sozusagen.

Ephraim-Palais im Berliner Nikolaiviertel OST-Berlin-Ausstellung

FAZIT

Das Nikolaiviertel gehört zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt Berlin. Und es steht inzwischen sogar unter Denkmalschutz. Nach meinem Besuch schlendere ich vorbei am Roten Rathaus und blicke noch einmal zurück.
Hier wurde die Stadt gegründet, zerstört und wiederaufgebaut. Berlin ist wie ein Phoenix, der aus der Asche emporgestiegen ist. Deshalb solltet auch ihr eine kleine Zeitreise zu den Anfängen der Stadt unternehmen. Selbst wenn im Viertel heute mehr Kopien statt Berliner Originale stehen. Und die ostdeutsche Platte allgegenwärtig ist.

Berliner Nikolaiviertel mit Rathaus im Hintergrund

Außerdem ist das Nikolaiviertel ein toller Ausgangsort, um weitere Berlin Hotspots zu entdecken! Sehenswürdigkeiten in der Nähe sind:

  • Nikolaikirche
  • Ephraim-Palais
  • Museum Knoblauchhaus
  • Zille Museum
  • Hanf Museum
  • Alte Münze
  • Historischer Hafen
  • Rotes Rathaus
  • Neptunbrunnen
  • St. Marienkirche
  • Berliner Fernsehturm
  • Alexanderplatz


MUSEEN IM NOKILAIVIERTEL

Die Vielfalt in der Berliner Museumslandschaft ist groß.  Und auch im Nikolaiviertel gibt es 5 spannende Museen zu entdecken, dazu abschließend noch ein paar Eckdaten:

1. Nikolaikirche
Mit der markanten Doppelspitze ist die Nikolaikirche das Herz des Viertels. Auch sie musste nach dem Krieg erst wiederaufgebaut werden. Denn sie war bis auf die Außenmauern zerstört. Einst mittelalterlicher Kirchenbau, heute Museum.
Seit 1987 gibt es eine Dauerausstellung zur Geschichte der Kirche und des Nikolaiviertels. Jeden 1. Mittwoch im Monat ist der Eintritt frei. Im Untergeschoss sind übrigens die ältesten heute noch erhaltenen Räume Berlins zu sehen. Und für Freunde von Orgelmusik wird es immer freitags spannend: beim wöchentlichen Orgelspiel. Ich kann einen Besuch der einstigen Stadtkirche sehr empfehlen. Denn wer keine Zeit hat, sich jedes einzelne Haus und Museum in der Stadtmitte anzuschauen, bekommt in der Ausstellung tolle Einblicke. Man kann sogar virtuell durch das Viertel schweben und bekommt im Video passende Informationen zu den verschiedenen Stationen.

Nikolaikirche Berlin

2. Knoblauchhaus
Das Knoblauchhaus ist das letzte in Berlins Mitte enthaltene Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts. Der Barockbau von 1760 vermittelt mit seinen wertvollen Möbeln einen spannenden Einblick in die großbürgerliche Welt von einst. Der Eintritt ist frei.

Museum Knoblauchhaus Nikolaiviertel

3. Ephraim-Palais
Das Ephraim-Palais begeistert mit einer spannenden Architektur wie auch Geschichte des Hauses. Und mehr noch: wechselnde Ausstellungen im Inneren stellen die Berliner Geschichte und Kultur vor. Ein aktueller Tipp: bis zum 09.11.2019 zeigt die Ausstellung “OST BERLIN – die halbe Hauptstadt” eine kleine Zeitreise vom Ende der 1960er Jahre bis zur Wiedervereinigung 1990.

Ephraim-Palais im Berliner Nikolaiviertel

4. Zille Museum
Heinrich Zille – Zeichner, Grafiker und Fotograf – war dafür bekannt mit seinem sozialkritischen Blick und Berliner Sprachwitz das Milieu der „kleinen Leute“ von Berlin zu zeigen. Genau deshalb wurde er Ehrenbürger der Stadt und zählt zu den populärsten Künstlern Berlins.

5. Hanf Museum
Auf knapp 300 Quadratmetern wird im Hanf Museum – dem einzigen in Deutschland – die Gattung Cannabis intensiv beleuchtet. Doch die Bedeutung als Rauschmittel steht dabei weniger im Vordergrund. Vielmehr die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten dieser 10.000 Jahre alten Kulturpflanze.


WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN:

Nikolaiviertel I Nikolaikirchplatz, 10178  Berlin I Informationen zum Viertel beim offiziellen Hauptstadtportal www.berlin.de

Museen im Nikolaiviertel I Öffnungszeiten, Anfahrt und Preise unter www.stadtmuseum.de

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