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Kategorie: Rieke kiekt – Berliner Orte

Treptower Wiesen im Wandel – das Sowjetische Ehrenmal

Treptower Wiesen im Wandel – das Sowjetische Ehrenmal

IM WANDEL DER GESCHICHTE

Die Treptower Wiesen sind ein Ausflugsziel mit viel Geschichte. Berliner und Berlinerinnen schlendern heute und flanierten früher durch die weitläufigen Parks und am vier Kilometer langen Uferweg entlang der Spree. Mit dem Hafen der „Weißen Flotte“ als Herzstück. Statt einer Fahrt auf dem Wasser kann man aber auch eine „stürmische“ Landerkundung machen. Denn der Treptower Park hat als Erholungsgebiet nicht nur eine lange Tradition, sondern auch eine revolutionäre Geschichte vorzuweisen. Und die hat in der Vergangenheit große Wellen geschlagen. Als Versammlungsort kämpfender Arbeiter im wilhelminischen Kaiserreich und später als Gedenkstätte mit dem Sowjetischen Ehrenmal, gebaut zwischen 1946 und 1949. Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück.

DIE GESCHICHTE DES PARKS

Schon lange bevor Treptow überhaut ein Berliner Stadtbezirk wurde – im Jahr 1920 übrigens – liebten die Berliner diesen beschaulichen Ort im Osten der Stadt. Sonnenbäder auf den Liegewiesen, umgeben von schattigen Alleen, verträumte Spazierwege und natürlich die Nähe zum Wasser machten den Volkspark so beliebt. 1876 wurde er von Gustav Meyer, dem ehemaligen Hofgärtner von Sanssouci, im englischen Stil angelegt. Meyer war ein Schüler Lennés und späterer Gartenbaudirektor von Berlin.

1911 spielte der Park eine nicht unwichtige Rolle in der Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, die sich auf der „Treptower Spielwiese“ versammelten. 200.000 Berliner, so lese ich in einem alten DDR-Stadtführer „Durch Berlin zu Fuß“ von 1983. Erschienen im VEB Tourist Verlag. Teilweise muss ich schmunzeln beim Durchblättern durch die sozialistische Geschichte und Verklärung selbiger. Aber das Buch gibt trotzdem einen interessanten Bickwinkel auf die Geschichte einer geteilten Stadt. Doch zurück zu den Berlinern, die sich „unter roten Fahnen“ im Treptower Park am 3. September im Jahr 1911 versammelten. August Bebel – einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie – und der Reichstagskandidat Karl Liebknecht werden von den Autoren des DDR Tourist Verlags als „beste Redner“ hervorgehoben, die – ich zitiere – „den kriegslüsternden Kurs der kaiserlichen Regierung verurteilten. Auch in den Revolutionsjahren 1918/1919 und später in der Zeit der Weimarer Republik trafen sich auf den Treptower Wiesen die Arbeiter des Berliner Ostens und zogen in mächtigen Demonstrationszügen in die Innenstadt.“ Zitat Ende.

Eine Zeit des Aufbruchs, des Wandels bricht an. Die Republik steckt in den Kinderschuhen und ist nicht wie jetzt – schon 100 Jahre alt. Alles muss sich neu orientieren und zurecht finden nach dem Ersten Weltkrieg und in einer Zeit ohne den deutschen Kaiser, der abdanken musste und ins holländische Exil nach Doorn geflohen ist. Eine geschichtliche Epoche, die gerade jetzt auch für Film und Fernsehen wieder neu entdeckt und als spannend befunden wird, zum Beispiel in der zurecht hochgelobten Serie „BABYLON BERLIN“. Auch dort finden sich die Figuren zwischen Kaiserliebe, Arbeiterkampf und aufkommendem Nationalsozialismus wieder. Der tragischerweise zum nächsten Krieg und zu den nächsten Kriegsopfern führte. Hier wiederum beginnt die Geschichte des Sowjetischen Ehrenmals.

DAS EHRENMAL – VOM TRUBEL DER SPREE ZUR STILLE

Auch wenn ich den vor mir liegenden sozialistisch durch und durch geprägten Berliner Stadtführer kritisch lese, die Befreiung vom Faschismus – unter anderem mithilfe der Sowjetarmee – ist ein unfassbares Glück. Und der Kampf darum zugleich Unglück für all jene, die ihr Leben dabei lassen mussten. 80.000 sowjetische Soldaten sind bei der Eroberung und Befreiung Berlins im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ihnen ein Denkmal zu setzen – egal durch welche Regierung – sie auf diese Weise zu ehren, ist ehrenwert. Natürlich wurden die Gefallenen der Roten Armee weit mehr als nur geehrt, sie wurden vom DDR Regime als „ewige Helden“ verherrlicht.

Das Jahr 1945 ist wieder ein Jahr, in dem die Weichen in und für Deutschland neu gestellt werden. Nach dem Wandel vom Kaiserreich hin zur Republik und danach ins Dritte Reich, wollen die vier Siegermächte das Land erneut verändern. Und diese Veränderung heißt am Ende leider eins: Teilung. Aber glücklicherweise hörte der Wandel mit dieser geschichtlichen Epoche nicht auf…

Wandel ist ein gutes Stichwort. Wenn man wie ich an einem Herbsttag – es ist bereits Ende November –  fast allein durch die imposante Kulisse des Ehrenmals spaziert, fühlt man sich ganz klein. Angesichts dieser gewaltigen Skulpturen und dieses Heldenkults. 10 Hektar groß ist die Anlage und damit das größte Kriegsdenkmal nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Der Ort übt trotz seiner sozialistischen Geschichte eine besondere Faszination auf mich aus.

Das diffuse Licht setzt das Ehrenmal und den Platz geheimnisvoll in Szene als ich morgens durch den Park laufe. Zwei Stunden später kämpft die Sonne sich immer noch zwischen all den Wolkenfeldern hindurch. Es ist kein sonniger Tag, an dem alles erstrahlt oder umhüllt von goldgelbem Licht ist, mit welchem nur der Herbst aufwarten und verzaubern kann. Und doch ist genau diese Lichtstimmung irgendwie passend, passend zu einem Ort des Gedenkens. Es ist nasskalt, die Steinplatten auf den Wegen glänzen vom leichten Nieselregen. Einzig das verbliebene Laub an den Birken ist ein erhellender Blickfang. In dieser eher gedämpften und trotzdem besonderen Stimmung. Der Auslöser meiner Kamera ist fast das einzige, was ich höre. Denn an diesem Ort herrscht – jedenfalls als ich ihn besuche – eine regelrechte Stille. Nur wenige hundert Meter weiter tobt dagegen, vor allem im Sommer, das deutlich lautere Leben am Ufer der Spree.

So ist das Ehrenmal ein idealer Platz um einmal die eigenen Gedanken zu sortieren, das sich verfärbende Herbstlaub zu betrachten und dem Trubel der Großstadt für einen Moment zu entfliehen. Wenn nicht gerade die Bus-Touristen hier Station machen.

SPAZIEREN ZWISCHEN LEBEN UND TOD

Das Areal war nicht nur zu DDR Zeiten ein Touristenmagnet, sondern ist es heute offensichtlich immer noch. Wenn ich manchmal die Puschkinallee entlang fahre, erblicke ich nicht selten ein oder zwei große Busse vor dem Eingangstor. Die hier vor Jahrzehnten an genau dem selben Ort gestanden haben müssen.

Acht Jahre war ich alt als die Mauer fiel. Aber auch wenn ich die DDR als Kind kennengelernt habe, am Sowjetischen Ehrenmal war ich noch nie zuvor. Nicht mit der Schule – dafür war ich noch zu jung – und schon gar nicht mit meiner Familie. Wir spazierten lieber durch den Tierpark in Friedrichsfelde oder mit Oma und Opa durch die Königsheide. Sozialistische Orte wie das Ehrenmal hat meine Familie bewusst gemieden. Weil hier eben nicht nur der Opfer gedacht wurde, sondern sich gleichzeitig eine nicht zu übersehende Ideologie zeigte. Der Besuch des Denkmals aber war tatsächlich für viele Schüler der DDR ein Pflichtprogramm. Wie mir mein Papa erzählt, ging es mit dem „Klassenkollektiv“ an Wandertagen nicht nur in den Treptower Park, sondern hin zum Sowjetischen Ehrenmal. Ein Ort, den er selbst nie gern besucht hat und deshalb waren wir wohl auch mit der Familie nicht zum Spazieren dort.

Ich erlebe das Ehrenmal also zum allerersten mal. So erfahre ich auch, dass zwischen all den monumental großen Bauten nicht nur die Gefallenen geehrt werden, sondern auch 7.000 Soldaten der Sowjetarmee an diesem Ehrenmal ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Verehrt als „ewige Helden“. Ich spaziere bei meinem Ausflug nicht nur durch ein Stück Geschichte des Treptower Parks, sondern durch einen Friedhof hindurch. Einen Soldatenfriedhof.

Es war übrigens Wilhelm Piek, der erste und einzige Präsident der Deutschen Demokratischen Republik, der – ich zitiere wieder aus dem Berliner DDR-Stadtführer von 1983 – „den sowjetischen Genossen vorschlug, als Standort den traditionsreichen Treptower Park auszuwählen. In dreijähriger Arbeit von 1.200 Mitarbeitern, darunter 200 Steinmetze und 90 Bildhauer, wurde das Denkmal am „Tag der Befreiung“, dem 8. Mai, im Jahre 1949 eingeweiht. Als Baumaterial diente vor allem schwedischer Granit, den die Naziführung in der Absicht angekauft hatte, daraus als faschistisches Siegeszeichen einen Triumphbogen in Moskau zu errichten.“

Und eben jener Granit überdauert inzwischen die Jahrzehnte im Treptower Park. Einst große Spiel- und Sportwiese, heute – noch immer – Ehrenmal und Soldatenfriedhof. Gefallen sind aber nicht nur Soldaten, sondern zerfallen sind 1989 auch die DDR und zwei Jahre später die Sowjetunion. Erinnern darf und sollte man an die Befreier von einst trotzdem. Außerdem ist die Gedenkstätte mit seinem überhöhtem Heldenkult ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Parks. Und durch eben jene zu spazieren, lohnt. Hinschauen, inne halten, sich bewusst machen, welchen Preis Frieden hat und hatte.

Daneben zeigt sich die Schönheit der Natur in einer steinernden – teils schon dramatischen – Kulisse. Und die ist zu dieser Jahreszeit wie ich finde besonders schön.

FOTOGRAFISCHER RUNDGANG

Entlang der breiten Promenade zeigt sich das Herbstlaub von seiner schönsten Seite. Von Birken gesäumt ist der Weg einmalig schön. Selbst an nass-kalten Tagen.

 

Zwei riesige gesenkte Fahnen – 14 mal 25 Meter – aus rotem Granit bilden das steinerne Eingangsportal. Davor zwei kniende Soldaten  aus Bronze.

 

Die sechzehn Sarkophage aus Kalkstein sind ein symbolisches Gräberfeld. Sie zeigen auf ihrer Oberfläche reliefartig Szenen der Kriegsjahre bis 1945.

 

Ein künstlich angelegter Grabhügel ist Mittelpunkt des Ehrenmals. Auf seinem Gipfel thront ein Mausoleum, in dem sich das Ehrenbuch mit den Namen aller hier beigesetzten Soldaten befindet. Und darüber – unübersehbar, elf Meter groß – die Figur des friedenbringenden Soldaten. Der mit seinem Schwert das Hakenkreuz zerstört und gleichzeitig ein Kind schützend in seinen Armen hält. Vom Boden bis zur Spitze sind es stolze 30 Meter.

 

Am Ende bin ich wieder am Anfang. Und stehe vor den Fahnen aus Granit. Hier auf der Plattform habe ich einen besonderen Blick. Der auf der einen Seite bis zum Hauptmonument – dem Mausoleumshügel – reicht.

 

Ich drehe mich um und blicke auf die vom Herbst gezeichnete Birkenallee. Im Hintergrund  ist die Frauenstatue „Mutter Heimat“ zu erkennen, die um „ihre gefallenen Söhne“ trauert.

FAZIT

Ich habe meinen Rundgang, meinen Spaziergang beendet. Vorbei an all den „Sehenswürdigkeiten“. Sie so zu nennen, ist etwas befremdlich. Genauso wie die Tafeln, welche neben der Geschichte zum Bau, auch Massenveranstaltungen der DDR mit Kranzniederlegungen zum Inhalt haben. An bestimmten Feiertagen muss der Platz ein einziges Blumenmeer gewesen sein, mit Delegationen Berliner Betriebe und natürlich der Partei- und Staatsführung.

Orte wie das Sowjetische Ehrenmal gehören – heute wie früher – zum Berliner Stadtbild dazu. Zu der Geschichte eines geteilten Landes, einer geteilten Stadt. Die Deutsche Wiedervereinigung ist erst wenige Jahrzehnte alt. Und als sie verhandelt wurde, ging es damals auch um die Zukunft der sowjetischen Ehrendenkmäler – unter anderem das im Treptower Park. Sie waren ein wichtiger Verhandlungspunkt der russischen Seite. Die Bundesrepublik verpflichtete sich dauerhaft für sie zu sorgen. Das war 1992. Als zwei Jahre später die russischen Truppen aus Deutschland abzogen, fand die militärische Zeremonie im Treptower Park statt. Hier am Sowjetischen Ehrenmal verabschiedeten sie sich von der Stadt, in der sie Jahrzehnte als Besatzer und Befreier von einst stationiert waren.

Ich bin froh, dass die Geschichte 1989 wieder im Wandel war und erneut eine andere Wendung genommen hat. So leben wir heute in einer wiedervereinten Stadt, in einem wiedervereinten Land.

„HERBSTLICHES“ …

So ist alles im Wandel – im Wandel der Geschichte und im Wandel der Jahreszeiten. Der Herbst zeigt uns das wie keine andere Jahreszeit. Und jetzt im Oktober, wenn die Bäume noch ihr Laub haben, sieht es besonders schön aus. Meine liebste Jahreszeit ist – ich muss es aber zugeben – der Sommer. Ich liebe laue Sommerabende und warme Temperaturen. Mit Kälte und Dunkelheit – die unweigerlich mit der trüben Jahreszeit einhergehen – kann ich mich deshalb nur schwer anfreunden. Einzig das „Zusammenrücken und das gefühlt intensivere Miteinander“ in den eigenen vier Wänden mag ich an Herbst- und Winterabenden. Nach ausgedehnten Spaziergängen, im Idealfall mit der Herbstsonne im Gesicht und der Sonnenbrille auf der Nase, anschließend nach Hause zu kommen und den Kamin anzumachen, das ist für mich ein weiteres wunderschönes Erlebnis. Was tatsächlich erst so richtig Spaß macht, wenn man etwas, aber noch nicht ganz durchgefroren wieder nach drinnen kommt.

Also liebe Berlin-Entdecker: ab nach draußen. Denn diese einmalige Naturkulisse im Spätherbst mit all ihren goldenen Farben hat ein ganz eigenes Flair. Kastanien, Eicheln, Blätter in den schönsten Herbstfarben, aber auch die letzten Blumen des Sommergartens – all das ist für mich außerdem ein reicher Fundus, um sich die Zeit in der Wohnung stilvoll zu verschönern. Und bei einem Herbstspaziergang lassen sich einige Herbstdekorationen zum Nulltarif sammeln…

In diesem Sinne – trotz aufkommendem Herbstblues bei dem ein oder anderen – viel Freude und Energie für die dunklere Jahreszeit, die meist auch für uns und nicht nur für die Natur einen Wandel bereit hält.

Herbstliche Grüße, eure Rieke


Treptower Park – Sowjetisches Ehrenmal (zwischen Puschkinallee im Norden und der Straße Am Treptower Park im Süden) I Puschkinallee, 12435  Berlin I weitere Informationen auf www.berlin.de 

Olympiastadion Berlin I Teil 1

Olympiastadion Berlin I Teil 1

Licht und Schatten – Geschichte hautnah erleben

Das der Besuch vom Olympiastadion eine Art Untergrundführung wird, hat mich überrascht. Ich kannte das Berliner Stadion zwar schon von einem Konzertbesuch, doch seine geheimsten Winkel im Inneren hatte ich bisher noch nicht erkundet. 17,4 Meter geht es beispielsweise hinab ins unterirdische Atrium. Ein kleiner „Abstieg“. Und mit jedem Schritt in die Tiefe sinken die Temperaturen. Das ist – gerade an heißen Tagen – besonders angenehm. Wer eine Stadion-Tour mitmacht erlebt aber nicht nur eine erfrischende Abkühlung unter der Erde, sondern darf dabei einen Blick hinter die Kulissen eines Fünf-Sterne-Stadions werfen. Mit besonders viel Liebe und Leidenschaft wird von den Tourguides dabei ein Stück Berliner und natürlich auch ein Stück Deutscher Geschichte vermittelt und erlebbar gemacht. Schließlich ist das Stadion für die Olympischen Sommerspiele 1936 gebaut worden. Der Geist der Vergangenheit ist in fast jedem Winkel zu spüren, aber genauso auch der Blick in die Zukunft.

Für technikbegeisterte Besucher, die keine Angst vor schwindelerregender Höhe haben, geht es sogar bis ganz nach oben. Zu sehen ist das Stadion dann aus der Vogelperspektive. Denn seit Juni gibt es öffentlich geführte Techniktouren, die euch auf das Zwischendach hinauf oder in den Medientunnel hinunter bringen. Ein wirkliches Highlight! Dazu später mehr im zweiten Teil „Auf- und Abstiege – neue Technik-Tour & Herthas Auszugspläne“.


SAISONERÖFFNUNG

Mein „Date“ mit dem Olympiastadion Berlin liegt schon etwas zurück. Es ist Anfang April. Die Hauptsaison geht gerade los, mit längeren Öffnungszeiten von 9 bis 19 Uhr. Vereinzelt stehen Sonnenliegen auf dem satten Grün. Allerdings nur zur Saisoneröffnung und natürlich vor dem Stadion, nicht auf dem heiligen Rasen! Dort ist das Betreten strengstens verboten. Schließlich ist der grüne Teppich stattliche 200.000 Euro wert. Einmal im Jahr wird er ausgetauscht und komplett erneuert. Was hier liegt ist natürlich kein normales Grün. Mit dem DFB als Partner gibt es besonders hohe Ansprüche. Und außer Fußballstars und Greenkeeper-Team – verantwortlich für die Rasenpflege – darf keiner rauf. Anfang April aber kommen Besucher dem gut gepflegten Grün trotzdem ein kleines Stückchen näher als sonst. Dann darf man einen Teil der blau-weißen Laufbahn betreten. Frau (also ich) sogar mit 8 Zentimerter-Absätzen. In gemütlichem Schritt-Tempo versteht sich. Schließlich möchte ich den Blick in diese gigantische Kulisse genießen und keinen neuen Weltrekord laufen. Den hat Usain Bolt – noch immer der schnellste Mann der Welt – auf Bahn Nummer Vier aufgestellt. Mit 9,58 Sekunden und einem Spitzentempo von 44,72 – km/h. Wie gesagt, ich bin etwas langsamer unterwegs… Und erkunde zum Fotografieren schon mal das Stadion, bevor unsere Führung losgeht.

UNBEKANNTE ECKEN IM OLYMPIASTADION BERLIN

Später aber kann ich – passend zu meinem „Lauf“ auf der Stadionbahn – noch die unterirdische Aufwärmhalle mit der 120 Meter langen Trainingslaufbahn bewundern. Übrigens einer der Orte, die man nur bei einer geführten Tour zu sehen bekommt. Hier wärmte sich der Sprint-Star am Abend vom 16. August 2009 auf. Abgeschirmt von Publikum und Presse. Selbige ist heute oft in diesem Raum anzutreffen, denn in der ursprünglich geplanten Sporthalle finden inzwischen die großen Pressekonferenzen statt.

Und an noch einen besonderen Ort geht es in der Highlight-Tour, die ich mitmache. Dann heißt es: Platz nehmen im gepolsterten VIP Sessel auf der Haupttribüne. Dort, wo man als Normalsterblicher eher selten hinkommt und heute Größen aus Sport und Politik sitzen. Hier befinden sich – auf vier Ebenen verteilt – die besten Plätze vom Stadion. Ein wirklich unglaublicher Blick bietet sich mir, hinein in einen fast menschenleeren Innenraum. Bilder der Fußball-Weltmeisterschaft von 2006 kommen mir in den Kopf, mit jubelnden Massen und einem voll besetzten Olympiastadion.

Ursprünglich für 100.000 Menschen gebaut, hat das Stadion heute Platz für knapp 75.000. Und ist damit drittgrößtes Fußballstadion in Deutschland. Übrigens sind die damals günstigsten Plätze heute die teuersten. Auch das erfahre ich vom Tourguide. Wo sich einst die Menschen auf Stehplätzen – dicht an dicht aneinander drängten – ist nun hinter Glas jede Menge Platz. In den luxuriösen VIP-Logen.

VERGANGENHEIT & ERSTER STADIONBAU

Doch zurück zur Ehrentribüne. Dort sitzt unsere Besuchergruppe und erfährt von unserem Guide viel über das Stadion und seine Anfänge. Ein Highlight – auch wenn das fast schon makaber klingt – ist sicher die ehemalige Führerloge. Hier saß 1936 der mächtigste Mann Deutschlands. Der drei Meter Balkon auf dem Hitler einst Platz nahm, wurde aber auf Befehl der britischen Militärverwaltung nach Kriegsende zurück gebaut. Um dem Nazi-Kult entschieden entgegen zu wirken. Und den Ort, an dem sich der Diktator feiern ließ, für immer zu zerstören. In der Führung tauchen natürlich Fragen zu dieser Epoche auf. Und Fragen stellen ist wichtig. Sich bewusst machen wie und mit welchem Zweck dieser denkmalgeschütze Bau entstanden ist, wer hier gesessen und gejubelt hat. So ist es mit geschichtsträchtigen Bauten. Sie sind Teil dieser Stadt, gehören zur Stadtgeschichte. Und im Fall vom Berliner Olympiastadion sind sie auch Teil der Geschichte Deutschlands. Genau Hinschauen – nur so findet Aufarbeitung und Auseinandersetzung statt. Und das gelingt den Guides im Stadion wirklich auf eine ganz besondere Weise.

Und ja, das Olympiastadion hat eine dunkle Vergangenheit. Eine ganz eigene „Biografie“. Gebaut wurde es zwischen 1934 und 1936 für die Olympischen Sommerspiele. Auch wenn die Bewerbung dafür noch in die Zeit der Weimarer Republik fiel, die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 änderte alles. Die Symbole der NS-Zeit sind auch heute noch präsent und deutlich sichtbar. Etwa auf der Olympiaglocke. Am unteren Rand – neben dem Schriftzug Berlin – befindet sich beispielsweise ein Hakenkreuz. Durch das Symbol und das Datum 1.-16. August zieht sich ein großer Riss. Die Rückseite ziert das Brandenburger Tor und vorn auf der Glocke hat der Reichsadler die olympischen Ringe fest in seinen Fängen. Darunter ist zu lesen: „Ich rufe die Jugend der Welt.“ Ursprünglich befand sich der Stahl-Gigant im Glockenturm und läutete von dort die Spiele am ersten Tag feierlich ein. Vom Krieg stark beschädigt, wurde er aber gesprengt. Inzwischen ist der 77 Meter hohe Turm wieder aufgebaut und bequem mit einem Fahrstuhl zu erreichen. Die Glocke mit Hakenkreuz, Reichsadler und Projektil-Durchschuss aber sucht man dort vergebens. Sie steht als Denkmal vor dem Südtor und symbolisiert gleichermaßen Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus.

Das Gelände aber hat sogar eine Geschichte, die noch weiter zurück reicht. Bis in die Kaiserzeit. Ich wusste beispielsweise nicht, dass Berlin bereits 1912 als Austragungsort für die Olympischen Spiele bestimmt war. Architekt Otto March wurde für das olympische Bauvorhaben beauftragt. Und pünktlich zum 25-jährigen Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II. eröffnete das Deutsche Stadion – der Vorgängerbau – im Jahr 1913. Es bot 30.000 Menschen Platz. Der Erste Weltkrieg aber verhinderte, dass die Olympischen Spiele 1916 überhaupt statt fanden. Zwanzig Jahre später dann ein erneuter Versuch für Berlin. Dafür musste Deutschlands erster Stadiongroßbau allerdings weichen. Das inzwischen zu kleine Deutsche Stadion wurde 1934 schließlich abgerissen. Und Werner March, der als Architekt in die Fußstapfen seines Vaters trat, baute nun an gleicher Stelle. Noch größer, noch monumentaler. Das Berliner Olympiastadion.

BAU NACH ANTIKEM VORBILD

Sichtachsen spielten bei der Planung und beim Bau eine große Rolle. Preußen- und Bayernturm – verbunden durch die Olympischen Ringe – führen vom Haupteingang direkt zum Stadion. Und das wirkt mehr als imposant, ist es doch nach römischem Vorbild vom Kolosseum erbaut.

Wie im alten Rom fühle ich mich zwar nicht, aber dennoch in eine andere Zeit versetzt. Sogar die Strahler wirken antik, fast wie kleine Fackeln, was das Heroische der Architektur noch deutlicher unterstreicht. Mit einem wechselvollen Spiel von Licht und Schatten. Das Olympiastadion ist soviel mehr als „nur“ eine Sportstätte. Es ist ein architektonisches Wahrzeichen von Berlin, das man nicht nur von sportlichen oder musikalischen Großveranstaltungen kennen sollte. Sondern als Sehenswürdigkeit dieser Stadt gesehen haben muss. Denn der Kolos aus fränkischem Muschelkalk hat neben seinen dunklen Schattenseiten, auch viele glanzvolle Momente erlebt.

MARATHONPLATEAU MIT EHRENTAFELN & FEUERSCHALE

Steht man auf dem Marathonplateau hat man einen unvergleichlichen Blick in das Stadion hinein. Hier finden sich aber auch „Zeitzeugen“ der Geschichte. Beispielsweise die Ehrentafeln der Sieger von 1936. Kurz vor ihrem Konzertbeginn haben auch Beyoncé und Jay-Z in diesem Jahr davor gestanden. Um Jesse Owens zu ehren, der mit vier Goldmedaillen damals erfolgreichster Spieler wurde. Ein Leichtathlet mit afroamerikanischen Wurzeln. Das passte natürlich nicht ins Konzept der Propaganda-Spiele.

Nur weniger Meter von den Gedenktafeln entfernt, steht die überdimensional große Feuerschale für das Olympische Feuer. Die Flamme wurde 1936 übrigens zum ersten mal in der Geschichte der Spiele aus dem griechischen Olympia in die austragende Stadt gebracht. Ins 3000 Kilometer entfernte Berlin. Und seitdem gibt es den Olympischen Fackellauf. Erfunden vom Berliner Organisationskomitee!

Eine weitere Premiere feierten die Olympischen Spiele damals. Sie wurden groß im Radio und Fernsehen inszeniert und als erste Großsportveranstaltung live im Fernsehen übertragen. Man erreichte Millionen, nicht nur im deutschen Reich. Faszination für die Massen. Man wollte der Welt ein  friedliches und offenes Deutschland zeigen und sich gleichzeitig als Großmacht präsentieren. Die nationalsozialistische Architektur des Olympiastadions tat ihr übriges dazu.

MAIFELD

Durch das offene Marathon-Tor hindurch wird der Blick auf das Maifeld und den dahinter liegenden Glockenturm gelenkt. Die Lücke gibt es nicht ohne Grund, denn hier fanden zur NS-Zeit große Aufmärsche statt. Mit dem Neubau vom Flughafen auf dem Tempelhofer Feld verschwand nämlich der dortige Paradeplatz aus der Kaiserzeit. Nun hatte man eine neue Kulisse für große Propaganda-Veranstaltungen gefunden. Zu den Olympischen Spielen war das Feld aber natürlich auch Wettkampfplatz für einige Sportarten, Polo zum Beispiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte hier übrigens auch das Britische Militär regelmäßig den bei den Briten so beliebten Sport, bis zum Truppenabzug 1994. In dieser Zeit war das Areal allerdings streng bewachtes Militärsperrgebiet, mit britischem Hauptquartier. Einmal jährlich fand dann auch wieder eine Parade statt. Zu Ehren der Queen und ihrem Geburtstag. Mehrmals war die Monarchin selbst anwesend und verlieh dem Ort so königlichen Glanz.

EVENTS ERLEBEN – BEWÄHRUNGSPROBE FÜR DEN RASEN

Heute kann man auf dem Maifeld statt Militär- oder Geburtstagsparaden große Feuerwerkskunst bestaunen, wenn die weltweit besten Pyrotechniker ein Sternenmeer am Himmel entfachen. Dann ist die Pyronale mal wieder zu Gast und sorgt für neue, spektakuläre Glanzmomente.

Ein Dauergast im Stadion ist natürlich auch Hertha BSC. Das Olympiastadion ist – zumindest bis zum Jahr 2025 – Heimspielstätte vom Bundesligisten. Viele Besucher verbinden dadurch das Stadion natürlich in erster Linie mit Fußball, auch das DFB-Pokalfinale wird hier ausgetragen. Und das schon seit 1985. Es ist Höhepunkt und gleichzeitig Ende der laufenden Fußballsaison. Auch ISTAF oder Leichtathletik-EM gehören als Sportereignis fest zum Terminkalender. Doch nicht nur der Sport spielt eine große Rolle. Für Fußballfreunde ist die Sommerpause die wohl schlimmste Zeit. Dann aber starten die großen Events der Musikbranche im Stadion. Wenn die Fußballsaison pausiert, geht die Konzert- und Open Air Saison erst so richtig los. Auf den Rängen und auch im Innenraum. Doch wie verkraftet es der Rasen, wenn 25.000 Menschen auf ihm stehen? Laufbahn und Rasen im sogenannten Infield werden dann mit speziellen Abdeckplatten bestückt. So ist das heilige Grün bestens geschützt. Die luftdurchlässigen Kunststoffmatten werden übrigens erst kurz vor den Veranstaltungen verlegt und danach direkt wieder entfernt, damit sich der Rasen schnell erholen und aufrichten kann. Was zu sehr in Mitleidenschaft geraten ist, wird natürlich ausgetauscht und mit neuen Stücken versehen. Denn das Infield mit seinem Rasen ist heilig! Klar, dass es da ein paar Regeln beziehungsweise Verbote gibt…

Große Musik-Events mit Auftritten von Guns N‘ Roses, der Stones, von Beyoncé und Jay-Z, Helene Fischer oder Ed Sheeran gab es 2018. Und im September macht das Lollapalooza Berlin – Deutschlands größtes Musik-Festival – erstmals auf dem Open-Air Gelände Station. Das ehemalige Reichssportfeld und heutige Olympiagelände wartet also mit vielen neuen Erlebnissen und Veranstaltungen auf. Von der Vergangenheit gelöst, ohne sie aber zu vergessen. Das wird auch in den Führungen mehr als deutlich. Ich selbst kannte das Stadion bisher nur von einem Madonna-Konzert. Das aber ist inzwischen auch schon wieder zehn Jahre her. Bei der Stadionführung erfahre ich sogar noch eine kleine Anekdote über die Popdiva und andere Musikgrößen. Doch diese wohl gehüteten Geheimnisse werden erst tief unter der Erde verraten. In den Künstler- und Umkleidekabinen.

ABGETAUCHT IN DIE UNTERWELT VOM STADION

Bis zur Hälfte ist der geschichtsträchtige Bau in die Erde gebaut. 17,4 Meter an seinem tiefsten Punkt. Genau dorthin führt uns der Guide. Und wir gehen exakt den Weg, den auch die ganz großen Fußballer bei ihren Spielen nehmen.

Über den Spieleraufgang, vorbei an zahlreichen Trikots, die an den Wänden hängen, geht es zu den Spielerkabinen inklusive Mannschaftsduschen und großem Whirlpool. Der aber ist nicht gefüllt. Blitzblank sieht es hier aus. Doch das ist wohl nicht immer so. Es soll schon mal vorkommen, dass am Tag nach einem Spiel, der Putz-Trupp noch nicht da war. Unser Tourguide muss es wissen. Und dann gibt es für die Besucher während der Führung eine kleine Ahnung vom Ausmaß der Siegesfeier oder eben von der Niederlage. Vielleicht bekommt man sogar etwas Persönliches der Fußballstars in die Hände, meint zumindest unser Guide… Ob es am Ende nur eine verschwitze Socke oder gar ein Trikot ist, ausprobieren würde ich sagen! Und den Besuch im Olympiastadion mal gezielt mit dem Spielplan abstimmen.Hier unten aber halten sich nicht nur Fußballspieler auf, auch so manche Künstler. Die kargen Mannschaftsräume – insgesamt gibt es sechs Umkleidekabinen – sind nach dem Umstyling allerdings kaum wieder zu erkennen. Nicht so bei Bruce Springsteen, wie ich erfahre. Er wollte in den Räumen weder exotische Palme noch gemütliche Couchlandschaft. Oder gar eigenen Fitness-Raum wie Madonna. Schlicht und simple sollte es sein. Als Coldplay dann auf Stadiontour im Olympiastadion waren, wollten sie es in ihrer Künstlergarderobe exakt so, wie es auch der „Boss“ ein paar Tage vor ihnen hatte. Als sie alles unverändert vorfanden, sollen sie etwas erstaunt gewesen sein. So manche Künstler haben aber auch sehr besondere Wünsche. Und nicht immer sind die so einfach zu erfüllen. Keith Richards – Gitarrist der Rolling Stones – hat 2006 in seine Künstlergarderobe einen Pooltisch bringen lassen. Ein echter Kraftakt, denn die Zugänge zum Sportlereingang sind eher schmal. Wie bei einer normalen Haustür. Irgendwie geklappt haben muss es am Ende aber doch, nur soll die Rocklegende den Billardqueue nicht ein mal in die Hand genommen haben. Ob Richards diesen außergewöhnlichen Wunsch 2018 erneut äußerte, wer weiß. Diese und andere nette Anekdoten gibt es zu hören, wenn man eine der Führungen mitmacht. Dann gelangt man auch ins Atrium. Dort finden Aftershow-Parties statt und die Spieler feiern sich und ihre Siege.

Über vier Stockwerke hinauf – alle unterirdisch – erstreckt sich der gesamte VIP-Bereich, in dem bis zu 1.700 Menschen Platz haben. Ja, unsere Gruppe wirkt etwas verloren in diesen riesigen Hallen. Vorbei geht es dann an der Players Lounge und wir nehmen Kurs auf einen deutlich kleineren Raum.

STADIONKAPELLE

Nur ein paar Meter entfernt befindet sich die eigene Stadionkapelle, deren Wände mit Blattgold verziert sind. Und die man deshalb nicht berühren darf. Zu empfindlich ist die hauchdünne Schicht. Nach der Fußballweltmeisterschaft aber brauchte die Kapelle einen neuen Anstrich oder vielmehr Auftrag. Denn Blattgold wird wirklich Blatt für Blatt mit einem Pinsel und von Hand an die Wand gebracht. Ja, da haben sich 2006 wohl ein paar Fußballer zuviel mit ihrem Kuss am goldenen Kreuz verewigt. Geküsst wurde hier übrigens auch schon beim Eheversprechen beziehungsweise bei einem Heiratsantrag, den es in der Kapelle einmal gab. Eine Kapelle – tief unter der Erde. Und hier wird auch unsere Gruppe ganz still. Alle sitzen auf den schweren dunklen Steinhockern und halten Inne. Das Läuten der Glocken kommt übrigens vom Band. Aber immerhin – die Tonbandaufnahme wurde in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aufgenommen.

GEHEIM-TIPP: AB INS KÜHLE NASS

Ich bekomme zwar weder Heiratsantrag noch Kuss, aber dafür später einen kleinen Geheim-Tipp von unserem Guide. Verabschiedet werden wir am Marathonplateau. Und von hier ist der Weg zum Schwimmbad nicht weit. Das Bad hinter dem Stadion kannte ich noch nicht. Aber wie in jedem Freibad der Berliner Bäderbetriebe kann man an schönen Sommertagen schwimmen. Im 50 Meter-Becken, natürlich mit olympischen Maßen. Und bei so einer Kulisse – mit dem Olympiastadion vor Augen – sollte man seine Bahnen auch mal ohne Schwimmbrille ziehen. Und die Aussicht genießen.

FAZIT

Nach über zwei Stunden auf meinen 8 Zentimeter-Absätzen, muss auch ich einmal ausruhen. Eine der Sonnenliegen ist gerade frei geworden. Soviel Geschichte denke ich, während ich fleißig Sommersprossen sammle. So viele außergewöhnliche Ereignisse, die hier statt fanden und so viele Fotos, die ich geschossen habe. Als ich dann auf dem großen Parkplatz ein letztes Foto mache – es wird später das Titelbild – habe ich einen Gedanken: hoffentlich darf das Olympiastadion seinen wunderschönen Namen behalten. Und wird nicht irgendwann nach einem zahlungskräftigen Hauptsponsor von Hertha BSC umbenannt. Denn natürlich waren auch die Schlagzeilen um den geplanten Umbau vom Olympiastadion oder einen Stadionneubau für den Bundesligisten Thema in der Führung.

Am Ende meines Besuchs aber verdränge ich den Gedanken daran und bin einfach nur überwältigt. Von diesem architektonisch einmaligem Denkmal, das so viel Geschichte und Geschichten in sich vereint. Hoffentlich habe ich euch Lust gemacht, diesen besonderen und zu großen Teilen unterirdischen Ort einmal zu besuchen. Der bei sonnigem Wetter – zwischen Licht und Schatten – wirklich einzigartige Fotomotive bietet.


FÜHRUNGEN & BESUCHSMÖGLICHKEITEN

Auf eigene Faust: Ihr könnt euch kostenlos die Olympiastadion Berlin App auf das Handy laden und werdet dann durch das Gelände navigiert und mit vielen Informationen versorgt. Alternativ kann man das Gelände mit einem Multimedia Guide erkunden, den ihr im Besucherzentrum ausleiht.

Besichtigung: 8 Euro I Multimedia Guide: 2 Euro

Im Rahmen von geführten Touren: Hier wird Geschichte wirklich lebendig präsentiert! Und ihr kommt natürlich in Bereiche, die sonst für die Öffentlichkeit gesperrt sind. Außerdem erfahrt ihr jede Menge über die einzigartige Sport- und Architekturgeschichte dieses Ortes, profitiert also von dem Insiderwissen der Guides. Ich habe übrigens die Highlight-Tour mitgemacht. Daneben gibt es noch die Premium-Tour, bei der ihr zusammen mit dem Guide on top das umliegende Olympiagelände erkundet. Hertha-Fans kommen bei einer Führung über das Vereinsgelände von Hertha BSC auf ihre Kosten. Und seit dem 10. Juni 2018 gibt es öffentlich geführte Technik-Touren. Bei allen Führungen ist der Eintritt auf das Gelände inbegriffen.

Führungen: Highlight-Tour 11 Euro I Premium-Tour 13 Euro I Hertha BSC-Tour 12 Euro I Technik-Tour 25 Euro

Ob nun auf eigene Faust oder im Rahmen einer Führung, los beziehungsweise in das Olympiastadion geht es vom Besucherzentum aus. Und natürlich kommt man nur an veranstaltungsfreien Tagen auf das Gelände.

Besucherzentrum am Osttor I Olympischer Platz 3, 14053 Berlin I www.olympiastadion.berlin

Sundowner auf dem Tempelhofer Feld

Sundowner auf dem Tempelhofer Feld

When the sun goes down…

Ein Mix aus Asphalt, Feld und Wiese. Mitten in der Stadt. 368 Hektar groß. Das Tempelhofer Feld ist wirklich eine einzigartige Kulisse!

Sich am späten Nachmittag – mit Picknickdecke bewaffnet – hinein ins Feld legen, sonnengereifte Erdbeeren mit prickelndem Rosé genießen und auf dem ehemaligen Rollfeld einfach los spazieren. Neben Fahrradfahrern, Joggern und Skatern. Und begleitet von unzähligen Drachen, die am Himmel schweben… Abends kann man dann den Sonnenuntergang erleben. Denn in den Sommermonaten ist bis 22:30 Uhr geöffnet.

Einst Paradeplatz, dann Flughafen und heute wieder Picknickwiese… Zurück zu den Anfängen also, denn schon früher zog es die Berliner auf das Tempelhofer Feld. Wenn am Wochenende das Militär den Exerzierplatz räumte. 2008 kam dann die Schließung von Tempelhof als Flughafen. Auch das ehemalige Flughafengebäude ist spannend! Ein Thema der Führungen ist beispielsweise die berühmte „Luftbrücke“.


Wie ihr zum Tempelhofer Feld gelangt, wann geöffnet ist und Informationen zu Führungen im ehemaligen Flughafengebäude findet ihr unter www.thf-berlin.de.

Hoch hinaus… Aussichtspunkt am Alex

Hoch hinaus… Aussichtspunkt am Alex

Berliner Skyline © Rieke trifft Berlin

892 Quadratkilometer groß ist die Hauptstadt. Berlin beweist aber nicht nur wahre Größe wenn es um seine Fläche in der Horizontalen geht. Auch steil nach oben erstreckt sich diese lebendige Stadt. Zwar kann sie nicht mit den Wolkenkratzern von Frankfurt am Main mithalten. Aber es gibt auch in Berlin nicht wenige Gebäude, die weit über 100 Meter reichen. Und auf eins davon nehme ich euch heute mit. Es geht hoch hinaus… mit dem Wahrzeichen Berlins im Blick: dem Berliner Fernsehturm. Genießt eine unglaubliche Aussicht und das für nur 4 Euro.


Mit 368 Metern Höhe ist der Fernsehturm im Herzen Berlins nicht nur das höchste Bauwerk der Stadt, sondern von ganz Deutschland. Und der Riese aus Stahlbeton prägt wie kein anderer auch das Stadtbild. Er war und ist DDR-Prestigebau, Sendemast, Orientierungspunkt und noch immer ein wichtiger Aussichtspunkt. So zieht es viele Besucher auf seine Panoramaetage in über 200 Meter Höhe. Doch statt langem Anstehen und tiefem Griff ins Portemonnaie beim Eintritt, gibt es auch eine günstigere Alternative und die ist gar nicht so weit entfernt. Das Park Inn Hotel am Alexanderplatz. Auch dieser Gigant thront in Berlin weit oben. Denn es ist das höchste als Hotel genutzte Gebäude in Berlin. 150 Meter weit nach oben geht es für die Besucher. Zunächst mit dem Aufzug (Lift A) aus der Hotellobby im Erdgeschoss. Die Fahrt ist rasant, 6 Meter pro Sekunde. Bis zur 35. Etage kommt man, die letzten Meter und 5 Etagen geht es dann zu Fuß weiter. Für nur 4 Euro gelangen Besucher auf die Aussichtsterrasse vom Hotel. Einige Liegestühle laden zum Verweilen ein und an der Bar gibt es eine kleine Auswahl von Getränken.

Ein paar Meter weiter können sich Wagemutige beim Base Flying sogar in die Tiefe stürzen. Das Unternehmen Jochen Schweizer – bekannt für seine Erlebnissgutscheine – verspricht Adrenalin pur. Ich aber genieße lieber den Blick über den Berliner Horizont. Und bin hier oben mit einem der größten Wahrzeichen unserer Stadt quasi auf Augenhöhe: dem Fernsehturm. Er überragt alle Bauten auf dem Alexanderplatz. Zu dem wir Berliner übrigens einfach nur „Alex“ sagen.

Der Fernsehturm selbst bietet ein wirklich fantastisches Fotomotiv. Auch wenn man sich – mit seiner Kamera bewaffnet – ein bisschen durch die Absicherungen auf der Plattform kämpfen muss. Also haltet eure Handys und Fotoapparate gut fest, wenn ihr sie für ein besseres Foto durchzwängt. Ich selbst habe da schon mal sehr ungute Erfahrungen gemacht. Das aber war in London und den 7 Meter Sturz in den Graben vom Tower hat mein Handy tatsächlich überlebt. Ohnehin aber ist es auch mal ratsam alle Technik beiseite zu legen und die Aussicht einfach zu genießen. Denn mir liegen Berliner Dom, Schloss-Neubau und Rotes Rathaus sowie die Marienkirche zu Füßen. Die Sonne scheint und ich überlege noch einmal Platz auf einem der Liegestühle zu nehmen. Um ein paar Sommersprossen zu sammeln.

In der Nachmittagssonne offenbart der Berliner Fernsehturm  ein kleines Phänomen. Er funkelt nicht nur wie ein Diamant, sondern wird zum höchsten „Kirchturm“ der Stadt. Mit einem Lichtkreuz – zehn mal zehn Meter groß – gen Westen strahlend. Dank einer Spiegelung auf der Turmkugel. Gegen Technologie und Meteorologie war die verärgerte DDR-Führung machtlos und so erstrahlt das Kreuz noch heute. Ob vor blauem Himmel oder in Nebel gehüllt, der Fernsehturm ist für mich ein ganz besonderer Glanzpunkt dieser Stadt. Mit und auf ihm konnten die Menschen vor 1989 auch einen Blick über die Grenze werfen. Denn West-Berlin war in den Schulbüchern nur eine graue Zone. Eine halbe Stadt, die verschwunden war. Oben aber auf dem Fernsehturm hörten ganze Straßenzüge nicht einfach auf. Sie gingen weiter, mitten durch das Brandenburger Tor hindurch zum Beispiel. Und hier erwähnte auch US-Präsident Ronald Reagan das Lichtkreuz, als er am 12. Juni 1987 seine berühmten Rede hielt „Mr. Gorbatschow, open this gate!“.

„Before the East Germans began rebuilding their churches, they erected a secular structure: the television tower at Alexander Platz. Virtually ever since, the authorities have been working to correct what they view as the tower’s one major flaw, treating the glass sphere at the top with paints and chemicals of every kind. Yet even today when the sun strikes that sphere – that sphere that towers over all Berlin – the light makes the sign of the cross. There in Berlin, like the city itself, symbols of love, symbols of worship, cannot be suppressed.“

„Bevor die Ost-Berliner ihre Kirchen wieder aufbauten, haben sie ein weltliches Monument errichtet: den Fernsehturm am Alexanderplatz. Seither haben die Behörden daran gearbeitet, die aus ihrer Sicht größte Schwachstelle des Turmes zu korrigieren. Sie behandelten die Glaskugel mit verschiedenen Farben und Chemikalien. Dennoch erstrahlt die Kugel – die sich über ganz Berlin erhebt – auch heute noch bei Sonneneinfall im Zeichen des Kreuzes. Dort in Berlin können Symbole der Liebe und des Glaubens genauso wie die Stadt selbst nicht unterdrückt werden.“

Und mit diesen schönen Worten möchte auch ich nun zum Ende kommen. Ich finde, Berlin hat eine wunderbare Skyline.  Oft mit dem Berliner Fernsehturm im Bild. Mein Tipp: begebt euch ab und zu auch mal in die Vertikale. Und genießt neue Ausblicke! Private Fotos könnt ihr nach Herzenslust von der Aussichtsterrasse des Hotels knipsen und veröffentlichen. Doch eben nur die. Macht euch also selbst ein Bild… Von mir gibt es daher den Fernsehturm aus einer bodennahen Perspektive. Gut, dass der übrigens zentral am Alex steht und nicht wie ursprünglich geplant in den Müggelbergen! jwd – janz weit draußen…

Luftige Grüße, Rieke

Berliner Fernsehturm © Rieke trifft Berlin
Park Inn © Rieke trifft Berlin
© Rieke trifft Berlin

Park Inn by Radisson Hotel I Alexanderplatz 7, 10178 Berlin I Öffnungszeiten nach Wetterlage Link zur Aussichtsterrasse