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Monat: Oktober 2018

Treptower Wiesen im Wandel – das Sowjetische Ehrenmal

Treptower Wiesen im Wandel – das Sowjetische Ehrenmal

IM WANDEL DER GESCHICHTE

Die Treptower Wiesen sind ein Ausflugsziel mit viel Geschichte. Berliner und Berlinerinnen schlendern heute und flanierten früher durch die weitläufigen Parks und am vier Kilometer langen Uferweg entlang der Spree. Mit dem Hafen der „Weißen Flotte“ als Herzstück. Statt einer Fahrt auf dem Wasser kann man aber auch eine „stürmische“ Landerkundung machen. Denn der Treptower Park hat als Erholungsgebiet nicht nur eine lange Tradition, sondern auch eine revolutionäre Geschichte vorzuweisen. Und die hat in der Vergangenheit große Wellen geschlagen. Als Versammlungsort kämpfender Arbeiter im wilhelminischen Kaiserreich und später als Gedenkstätte mit dem Sowjetischen Ehrenmal, gebaut zwischen 1946 und 1949. Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück.

DIE GESCHICHTE DES PARKS

Schon lange bevor Treptow überhaut ein Berliner Stadtbezirk wurde – im Jahr 1920 übrigens – liebten die Berliner diesen beschaulichen Ort im Osten der Stadt. Sonnenbäder auf den Liegewiesen, umgeben von schattigen Alleen, verträumte Spazierwege und natürlich die Nähe zum Wasser machten den Volkspark so beliebt. 1876 wurde er von Gustav Meyer, dem ehemaligen Hofgärtner von Sanssouci, im englischen Stil angelegt. Meyer war ein Schüler Lennés und späterer Gartenbaudirektor von Berlin.

1911 spielte der Park eine nicht unwichtige Rolle in der Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, die sich auf der „Treptower Spielwiese“ versammelten. 200.000 Berliner, so lese ich in einem alten DDR-Stadtführer „Durch Berlin zu Fuß“ von 1983. Erschienen im VEB Tourist Verlag. Teilweise muss ich schmunzeln beim Durchblättern durch die sozialistische Geschichte und Verklärung selbiger. Aber das Buch gibt trotzdem einen interessanten Bickwinkel auf die Geschichte einer geteilten Stadt. Doch zurück zu den Berlinern, die sich „unter roten Fahnen“ im Treptower Park am 3. September im Jahr 1911 versammelten. August Bebel – einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie – und der Reichstagskandidat Karl Liebknecht werden von den Autoren des DDR Tourist Verlags als „beste Redner“ hervorgehoben, die – ich zitiere – „den kriegslüsternden Kurs der kaiserlichen Regierung verurteilten. Auch in den Revolutionsjahren 1918/1919 und später in der Zeit der Weimarer Republik trafen sich auf den Treptower Wiesen die Arbeiter des Berliner Ostens und zogen in mächtigen Demonstrationszügen in die Innenstadt.“ Zitat Ende.

Eine Zeit des Aufbruchs, des Wandels bricht an. Die Republik steckt in den Kinderschuhen und ist nicht wie jetzt – schon 100 Jahre alt. Alles muss sich neu orientieren und zurecht finden nach dem Ersten Weltkrieg und in einer Zeit ohne den deutschen Kaiser, der abdanken musste und ins holländische Exil nach Doorn geflohen ist. Eine geschichtliche Epoche, die gerade jetzt auch für Film und Fernsehen wieder neu entdeckt und als spannend befunden wird, zum Beispiel in der zurecht hochgelobten Serie „BABYLON BERLIN“. Auch dort finden sich die Figuren zwischen Kaiserliebe, Arbeiterkampf und aufkommendem Nationalsozialismus wieder. Der tragischerweise zum nächsten Krieg und zu den nächsten Kriegsopfern führte. Hier wiederum beginnt die Geschichte des Sowjetischen Ehrenmals.

DAS EHRENMAL – VOM TRUBEL DER SPREE ZUR STILLE

Auch wenn ich den vor mir liegenden sozialistisch durch und durch geprägten Berliner Stadtführer kritisch lese, die Befreiung vom Faschismus – unter anderem mithilfe der Sowjetarmee – ist ein unfassbares Glück. Und der Kampf darum zugleich Unglück für all jene, die ihr Leben dabei lassen mussten. 80.000 sowjetische Soldaten sind bei der Eroberung und Befreiung Berlins im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ihnen ein Denkmal zu setzen – egal durch welche Regierung – sie auf diese Weise zu ehren, ist ehrenwert. Natürlich wurden die Gefallenen der Roten Armee weit mehr als nur geehrt, sie wurden vom DDR Regime als „ewige Helden“ verherrlicht.

Das Jahr 1945 ist wieder ein Jahr, in dem die Weichen in und für Deutschland neu gestellt werden. Nach dem Wandel vom Kaiserreich hin zur Republik und danach ins Dritte Reich, wollen die vier Siegermächte das Land erneut verändern. Und diese Veränderung heißt am Ende leider eins: Teilung. Aber glücklicherweise hörte der Wandel mit dieser geschichtlichen Epoche nicht auf…

Wandel ist ein gutes Stichwort. Wenn man wie ich an einem Herbsttag – es ist bereits Ende November –  fast allein durch die imposante Kulisse des Ehrenmals spaziert, fühlt man sich ganz klein. Angesichts dieser gewaltigen Skulpturen und dieses Heldenkults. 10 Hektar groß ist die Anlage und damit das größte Kriegsdenkmal nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Der Ort übt trotz seiner sozialistischen Geschichte eine besondere Faszination auf mich aus.

Das diffuse Licht setzt das Ehrenmal und den Platz geheimnisvoll in Szene als ich morgens durch den Park laufe. Zwei Stunden später kämpft die Sonne sich immer noch zwischen all den Wolkenfeldern hindurch. Es ist kein sonniger Tag, an dem alles erstrahlt oder umhüllt von goldgelbem Licht ist, mit welchem nur der Herbst aufwarten und verzaubern kann. Und doch ist genau diese Lichtstimmung irgendwie passend, passend zu einem Ort des Gedenkens. Es ist nasskalt, die Steinplatten auf den Wegen glänzen vom leichten Nieselregen. Einzig das verbliebene Laub an den Birken ist ein erhellender Blickfang. In dieser eher gedämpften und trotzdem besonderen Stimmung. Der Auslöser meiner Kamera ist fast das einzige, was ich höre. Denn an diesem Ort herrscht – jedenfalls als ich ihn besuche – eine regelrechte Stille. Nur wenige hundert Meter weiter tobt dagegen, vor allem im Sommer, das deutlich lautere Leben am Ufer der Spree.

So ist das Ehrenmal ein idealer Platz um einmal die eigenen Gedanken zu sortieren, das sich verfärbende Herbstlaub zu betrachten und dem Trubel der Großstadt für einen Moment zu entfliehen. Wenn nicht gerade die Bus-Touristen hier Station machen.

SPAZIEREN ZWISCHEN LEBEN UND TOD

Das Areal war nicht nur zu DDR Zeiten ein Touristenmagnet, sondern ist es heute offensichtlich immer noch. Wenn ich manchmal die Puschkinallee entlang fahre, erblicke ich nicht selten ein oder zwei große Busse vor dem Eingangstor. Die hier vor Jahrzehnten an genau dem selben Ort gestanden haben müssen.

Acht Jahre war ich alt als die Mauer fiel. Aber auch wenn ich die DDR als Kind kennengelernt habe, am Sowjetischen Ehrenmal war ich noch nie zuvor. Nicht mit der Schule – dafür war ich noch zu jung – und schon gar nicht mit meiner Familie. Wir spazierten lieber durch den Tierpark in Friedrichsfelde oder mit Oma und Opa durch die Königsheide. Sozialistische Orte wie das Ehrenmal hat meine Familie bewusst gemieden. Weil hier eben nicht nur der Opfer gedacht wurde, sondern sich gleichzeitig eine nicht zu übersehende Ideologie zeigte. Der Besuch des Denkmals aber war tatsächlich für viele Schüler der DDR ein Pflichtprogramm. Wie mir mein Papa erzählt, ging es mit dem „Klassenkollektiv“ an Wandertagen nicht nur in den Treptower Park, sondern hin zum Sowjetischen Ehrenmal. Ein Ort, den er selbst nie gern besucht hat und deshalb waren wir wohl auch mit der Familie nicht zum Spazieren dort.

Ich erlebe das Ehrenmal also zum allerersten mal. So erfahre ich auch, dass zwischen all den monumental großen Bauten nicht nur die Gefallenen geehrt werden, sondern auch 7.000 Soldaten der Sowjetarmee an diesem Ehrenmal ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Verehrt als „ewige Helden“. Ich spaziere bei meinem Ausflug nicht nur durch ein Stück Geschichte des Treptower Parks, sondern durch einen Friedhof hindurch. Einen Soldatenfriedhof.

Es war übrigens Wilhelm Piek, der erste und einzige Präsident der Deutschen Demokratischen Republik, der – ich zitiere wieder aus dem Berliner DDR-Stadtführer von 1983 – „den sowjetischen Genossen vorschlug, als Standort den traditionsreichen Treptower Park auszuwählen. In dreijähriger Arbeit von 1.200 Mitarbeitern, darunter 200 Steinmetze und 90 Bildhauer, wurde das Denkmal am „Tag der Befreiung“, dem 8. Mai, im Jahre 1949 eingeweiht. Als Baumaterial diente vor allem schwedischer Granit, den die Naziführung in der Absicht angekauft hatte, daraus als faschistisches Siegeszeichen einen Triumphbogen in Moskau zu errichten.“

Und eben jener Granit überdauert inzwischen die Jahrzehnte im Treptower Park. Einst große Spiel- und Sportwiese, heute – noch immer – Ehrenmal und Soldatenfriedhof. Gefallen sind aber nicht nur Soldaten, sondern zerfallen sind 1989 auch die DDR und zwei Jahre später die Sowjetunion. Erinnern darf und sollte man an die Befreier von einst trotzdem. Außerdem ist die Gedenkstätte mit seinem überhöhtem Heldenkult ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Parks. Und durch eben jene zu spazieren, lohnt. Hinschauen, inne halten, sich bewusst machen, welchen Preis Frieden hat und hatte.

Daneben zeigt sich die Schönheit der Natur in einer steinernden – teils schon dramatischen – Kulisse. Und die ist zu dieser Jahreszeit wie ich finde besonders schön.

FOTOGRAFISCHER RUNDGANG

Entlang der breiten Promenade zeigt sich das Herbstlaub von seiner schönsten Seite. Von Birken gesäumt ist der Weg einmalig schön. Selbst an nass-kalten Tagen.

 

Zwei riesige gesenkte Fahnen – 14 mal 25 Meter – aus rotem Granit bilden das steinerne Eingangsportal. Davor zwei kniende Soldaten  aus Bronze.

 

Die sechzehn Sarkophage aus Kalkstein sind ein symbolisches Gräberfeld. Sie zeigen auf ihrer Oberfläche reliefartig Szenen der Kriegsjahre bis 1945.

 

Ein künstlich angelegter Grabhügel ist Mittelpunkt des Ehrenmals. Auf seinem Gipfel thront ein Mausoleum, in dem sich das Ehrenbuch mit den Namen aller hier beigesetzten Soldaten befindet. Und darüber – unübersehbar, elf Meter groß – die Figur des friedenbringenden Soldaten. Der mit seinem Schwert das Hakenkreuz zerstört und gleichzeitig ein Kind schützend in seinen Armen hält. Vom Boden bis zur Spitze sind es stolze 30 Meter.

 

Am Ende bin ich wieder am Anfang. Und stehe vor den Fahnen aus Granit. Hier auf der Plattform habe ich einen besonderen Blick. Der auf der einen Seite bis zum Hauptmonument – dem Mausoleumshügel – reicht.

 

Ich drehe mich um und blicke auf die vom Herbst gezeichnete Birkenallee. Im Hintergrund  ist die Frauenstatue „Mutter Heimat“ zu erkennen, die um „ihre gefallenen Söhne“ trauert.

FAZIT

Ich habe meinen Rundgang, meinen Spaziergang beendet. Vorbei an all den „Sehenswürdigkeiten“. Sie so zu nennen, ist etwas befremdlich. Genauso wie die Tafeln, welche neben der Geschichte zum Bau, auch Massenveranstaltungen der DDR mit Kranzniederlegungen zum Inhalt haben. An bestimmten Feiertagen muss der Platz ein einziges Blumenmeer gewesen sein, mit Delegationen Berliner Betriebe und natürlich der Partei- und Staatsführung.

Orte wie das Sowjetische Ehrenmal gehören – heute wie früher – zum Berliner Stadtbild dazu. Zu der Geschichte eines geteilten Landes, einer geteilten Stadt. Die Deutsche Wiedervereinigung ist erst wenige Jahrzehnte alt. Und als sie verhandelt wurde, ging es damals auch um die Zukunft der sowjetischen Ehrendenkmäler – unter anderem das im Treptower Park. Sie waren ein wichtiger Verhandlungspunkt der russischen Seite. Die Bundesrepublik verpflichtete sich dauerhaft für sie zu sorgen. Das war 1992. Als zwei Jahre später die russischen Truppen aus Deutschland abzogen, fand die militärische Zeremonie im Treptower Park statt. Hier am Sowjetischen Ehrenmal verabschiedeten sie sich von der Stadt, in der sie Jahrzehnte als Besatzer und Befreier von einst stationiert waren.

Ich bin froh, dass die Geschichte 1989 wieder im Wandel war und erneut eine andere Wendung genommen hat. So leben wir heute in einer wiedervereinten Stadt, in einem wiedervereinten Land.

„HERBSTLICHES“ …

So ist alles im Wandel – im Wandel der Geschichte und im Wandel der Jahreszeiten. Der Herbst zeigt uns das wie keine andere Jahreszeit. Und jetzt im Oktober, wenn die Bäume noch ihr Laub haben, sieht es besonders schön aus. Meine liebste Jahreszeit ist – ich muss es aber zugeben – der Sommer. Ich liebe laue Sommerabende und warme Temperaturen. Mit Kälte und Dunkelheit – die unweigerlich mit der trüben Jahreszeit einhergehen – kann ich mich deshalb nur schwer anfreunden. Einzig das „Zusammenrücken und das gefühlt intensivere Miteinander“ in den eigenen vier Wänden mag ich an Herbst- und Winterabenden. Nach ausgedehnten Spaziergängen, im Idealfall mit der Herbstsonne im Gesicht und der Sonnenbrille auf der Nase, anschließend nach Hause zu kommen und den Kamin anzumachen, das ist für mich ein weiteres wunderschönes Erlebnis. Was tatsächlich erst so richtig Spaß macht, wenn man etwas, aber noch nicht ganz durchgefroren wieder nach drinnen kommt.

Also liebe Berlin-Entdecker: ab nach draußen. Denn diese einmalige Naturkulisse im Spätherbst mit all ihren goldenen Farben hat ein ganz eigenes Flair. Kastanien, Eicheln, Blätter in den schönsten Herbstfarben, aber auch die letzten Blumen des Sommergartens – all das ist für mich außerdem ein reicher Fundus, um sich die Zeit in der Wohnung stilvoll zu verschönern. Und bei einem Herbstspaziergang lassen sich einige Herbstdekorationen zum Nulltarif sammeln…

In diesem Sinne – trotz aufkommendem Herbstblues bei dem ein oder anderen – viel Freude und Energie für die dunklere Jahreszeit, die meist auch für uns und nicht nur für die Natur einen Wandel bereit hält.

Herbstliche Grüße, eure Rieke


Treptower Park – Sowjetisches Ehrenmal (zwischen Puschkinallee im Norden und der Straße Am Treptower Park im Süden) I Puschkinallee, 12435  Berlin I weitere Informationen auf www.berlin.de